Teure Langfinger

Handel rechnet mit dem Schwund

Ladendiebe gehen heute oft gut organisiert in Gruppen vor. Der Schaden ist beträchtlich, sicheren Schutz gibt es nicht. Sicherungsetiketten, Türalarm, Detektive: Was immer sich Warenhäuser, Boutiquen oder Drogeriemärkte gegen Warenklau einfallen lassen, wird alsbald erfinderisch wieder unterlaufen. Und das zunehmend von routinierten Banden und Profidieben. „Im Zuge der EU-Erweiterung beobachten wir seit Jahren, dass vor allem Profidiebe aus Osteuropa über die Grenzen kommen“, sagte Rolf Geckle von der Karlsruher Ermittlungsgruppe „Mascara“. Seit 2009 beschäftigt er und seine Kollegen mit dieser neuen Form des Diebstahls.

Im großen Stil

Dabei werden nicht einfach ein Lippenstift oder zwei Flaschen Wein oder eine Tafel Schokolade geklaut. Die Profis stehlen so viel auf einmal wie möglich: 30 Mascara-Stifte, 20 T-Shirts, tütenweise Alkoholika werden aus den Läden geschleppt. Gearbeitet wird dabei mit allen Tricks: Meist kommen die Langfinger zu zweit oder zu dritt zeitversetzt in die Läden, nur selten arbeiten sie allein. Einer lenkt das Personal ab, der andere beobachtet ständig den Verkaufsraum und warnt den eigentlichen Dieb, der die Dinge einsteckt.

 

Die „sichere Ware“ gibt es dabei sowieso nicht.

 

„Alle Alarmsysteme können überwunden werden“, sagt Geckle. Ganz oben auf der diebischen Beliebtheitsskala stehen Kosmetika, Kleider und elektronische Produkte. Zehn Diebstähle pro Tag zählt die Polizei beispielsweise in Karlsruhe. Die Ware holen sich die Profis bei Touren durch mehrere Geschäfte; die Produkte werden dann in Hinterzimmern an Hehler vertickt oder direkt in den Heimatländern verkauft. Wenn die Polizei die Diebe erwischt, schweigen sie. Die Beamten müssen sie meist laufen lassen, wenn sie beim Einwohnermeldeamt gemeldet sind.

Schutz rechnet sich nur bedingt

Das Paradoxe an der Situation: Zwar richtet Ladendiebstahl im Einzelhandel Milliardenschäden an – allein 3,7 Milliarden Euro waren es im vergangenen Jahr deutschlandweit. Aber auch der Aufwand zur Bekämpfung ist mit rund 1,25 Milliarden Euro bereits enorm. So nehmen Geschäfte den „Schwund“ durchaus in Kauf. „Zusätzliches Personal für die Überwachung etwa ist so teuer, dass wir den Diebstahl einfach hinnehmen“, sagt der Filialleiter eines Drogeriemarkts. Auch eine große Bekleidungskette lebt nach Worten Geckles bewusst damit. „Deren Umsätze sind hoch genug.“ Die Verluste werden auf die Preise umgelegt. Der Einzelhandel habe zunehmend weniger Interesse, Ladendiebstahl aufzuklären. Eine bekannte Parfümeriekette sichere nur ein Drittel ihres Warenbestandes – mehr wäre zu teuer. Technisches Wettrüsten mit Ladendieben lohnt nur bedingt. Der gute alte Ladendetektiv kann da nur begrenzt Abhilfe schaffen. Während große Kaufhäuser durchaus auch eigene Detektive beschäftigen oder mehrfach pro Woche jemanden für die Überwachung engagieren, „können sich kleine Geschäfte das nicht leisten“, sagt Ahmad Siavoshi von der Karlsruher Detektei sd Sicherheit. „Das wichtigste ist ohnehin die Schulung von Mitarbeitern“, sagt er - am besten in Kombination mit einem guten technischen Überwachungssystem. Gelassen geht die Drogeriemarktkette dm mit dem Problem um. Sie setzt neben technischen Maßnahmen auf ihren treuen Kundenstamm mit „wenig Laufkundschaft“ - und auf zufriedenes Personal, sagt dm-Chef Erich Harsch. „Durch unsere besondere Unternehmenskultur haben wir sehr aufmerksame und ehrliche Mitarbeiter.“ Die Inventurdifferenz liege deutlich unter dem Branchenschnitt von ein bis zwei Prozent. Trotz allem übrigens: Von den rund 38.000 Diebstahlsverdächtigen, die das Landeskriminalamt (LKA) 2010 für den Südwesten auflistet, sind mit etwa 26.000 die weitaus meisten deutsche Staatsbürger, sagte ein LKA-Sprecher. Darunter sind nicht selten auch ältere Menschen, berichtet eine Karlsruher Streifenpolizistin. „Die stehlen was zum Essen. Und wenn wir sie erwischen, schämen sie sich sehr.“

Autor: Anika von Greve-Dierfeld / Pforzheimer Zeitung