Ladendiebstahl – ein oft unterschätztes Phänomen unserer Zeit

Die neuesten Zahlen des EHI zur Entwicklung der Inventurdifferenzen belegen unveränderte Verluste in Höhe von 3,8 Mrd. Euro pro Jahr. Ist das nun gut oder schlecht? Heißt das, die Präventionsmaßnahmen des Handels greifen, oder lässt sich die Kriminalität im Handel einfach nicht weiter reduzieren?

 

Während Raubüberfälle auf Kreditinstitute in den letzten 6 Jahren um mehr als die Hälfte zurückgegangen sind, ist die Zahl im Handel nahezu konstant geblieben. Macht der Handel etwas falsch, oder sind es nur Verlagerungseffekte, wie sie auch beim Ladendiebstahl immer wieder festzustellen sind?

Gefühlter Kriminalitätsanstieg oder Realität?

Von einer entspannten Lage bei Ladendiebstählen zu sprechen, ist angesichts des enormen Dunkelfeldes fatal. Trotz rückläufiger Statistiken wird im Handel nach wie vor gestohlen, was nicht niet- und nagelfest ist. Spricht man mit Einzelhändlern, so sieht die Welt ganz anders aus, als es die polizeiliche Statistik suggeriert: Bandendiebstahl, spezialisierte Tätergruppen, insbesondere aus dem osteuropäischen Raum, Leergut-Manipulation, Umtausch-Betrug, Wechselgeldbetrug, und fast täglich tauchen neue Methoden und Tricks der Betrüger auf; hinzu kommen noch Einbruchs- und Raubdelikte.

 

Es sind derzeit weniger die „gewöhnlichen“ Gelegenheitsdiebe, wie sie der Handel seit jeher kennt, sondern es sind oftmals Täter mit „professionellem“ Hintergrund oder Personen, die ihren Lebensunterhalt durch Straftaten bestreiten. Es liegt in der Natur der Sache, dass hierzu kaum verlässliches Datenmaterial existiert. Ein Indiz: Während die angezeigten einfachen Ladendiebstähle kontinuierlich zurückgehen, haben sich die angezeigten schweren Ladendiebstähle in den letzten fünf Jahren verdoppelt!

 

Man muss bedenken, dass die polizeiliche Kriminalstatistik nur angezeigte Fälle berücksichtigt, die in Summe weniger als 2 Prozent des Gesamtschadens ausmachen. Es bleiben aber jährlich rund 30.000.000 Ladendiebstähle unentdeckt. Das sind 100.000 Delikte je Verkaufstag mit einem durchschnittlichen Schaden von fast 70 Euro. Nur einige Kennzahlen zum schweren Ladendiebstahl: Der durchschnittliche Diebstahlswert beträgt fast 400 Euro! In mehr als einem Drittel aller Fälle sind die Täter in Gruppen aktiv, der Anteil der Mehrfachtäter beträgt über 80 Prozent. Angesichts dieser Zahlen wird das Ausmaß des Problems deutlich.

1,2 Milliarden Euro für Prävention und Sicherheit

Zwar wird das durchschnittliche Niveau der Inventurdifferenzen von knapp einem Prozent – bewertet zu Verkaufspreisen in Relation zum Bruttoumsatz – von den meisten Unternehmen als „akzeptabel“ bezeichnet, doch angesichts enormer Kosten von rund 1,2 Milliarden Euro im Jahr stellt sich die Frage, wie viel kann und muss in Prävention, Personalschulung und Sicherheitstechnik investiert werden?

 

Weniger geht kaum, denn ein Sparen an Sicherheitspersonal, Warensicherung und Kameraüberwachung würde sofort mit Verlagerungseffekten der Diebstähle bestraft – Ladendiebe lernen schnell. Investitionen in Sicherheitssysteme müssen für den Handel kalkulierbar bleiben. Schon jetzt zahlt jeder ehrliche Kunde rund 1 Prozent seines Einkaufspreises für den Schaden durch Ladendiebstahl!

 

Deshalb wird nur so viel investiert, wie Einsparungen zu erwarten sind. Es ist immer ein Abwägen, was ist notwendig und finanziell vertretbar und was dem Kunden zumutbar. Dazu gibt es unterschiedliche Sichtweisen und unterschiedliche Maßnahmenschwerpunkte. Unternehmensspezifisch geht es darum, ein Optimum zu finden, das die Summe aus Bestandsverlusten und Sicherheitsaufwendungen minimiert.

Dauerbelastung Ladendiebstahl

Den gesellschaftlichen Werteverfall kann der Handel nicht stoppen, er kann nur weiter in Datenanalysen, Sicherheitstechnik und aufmerksames Personal investieren, um die Verluste durch Ladendiebstahl in einem für ihn erträglichen Rahmen zu halten. Viele Positivbeispiele von Unternehmen, die über Jahre hinweg ihre Inventurdifferenzen kontinuierlich reduzieren konnten belegen, dass die intensive Beschäftigung mit Bestandsverlusten und deren Vermeidung ein enormes Renditepotenzial birgt. Erfahrungen zeigen aber auch, dass die Sensibilität der Mitarbeiter ständig geschult werden muss und Sicherheitskonzepte permanent überarbeitet und angepasst werden sollten.

 

Vor allem der Aufmerksamkeit und der Sensibilität der Mitarbeiter kommt eine besondere Schlüsselrolle zu. Verlängerte Öffnungszeiten bei geringerer Personalbesetzung machen es immer schwieriger, eine „Flächenaufsicht“ zu gewährleisten und erfordern zum Ausgleich effektive Warensicherungen und Überwachungsmaßnahmen mittels Kameratechnik.

 

Laut unserer aktuellen Erhebung setzten Händler wieder verstärkt auf Kamerakonzepte zur Prävention, Überführung und Beweissicherung. Doch gerade hier bereitet der Datenschutz Probleme.

Kameraüberwachung versus Datenschutz

Überall dort, wo Kameras deutlich sichtbar installiert sind, muss ein Straftäter immer damit rechnen, dass er sofort, aber auch noch im Nachhinein identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden kann. Auch für die Polizei sind Kamerabilder nach Straftaten oft das das einzig wirksame Instrument zur nachträglichen Täteridentifizierung. Sie gibt sogar Empfehlungen zur optimalen Kamerapositionierung, damit im Ernstfall Bilder der Tat mit bestehenden Bilddatenbanken der Polizei abgeglichen werden können.

 

Datenschutzbehörden der Bundesländer legen derzeit die bestehenden Gesetze unterschiedlich aus. Dies erschwert die Bestrebungen bundesweit agierender Unternehmen, den Anforderungen überall gerecht zu werden. Auch die zurzeit ruhende politische Diskussion zu den Regelungen des Beschäftigtendatenschutzes schafft mehr Unsicherheit, denn die bisherigen Entwürfe werfen Fragen auf und lassen den Handel im Unklaren. Wünschenswert sind glasklare gesetzliche Regelungen, die den Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter und Kunden in gebührender Weise berücksichtigen, aber keineswegs den Eigentumsschutz und die Kriminalitätsbekämpfung einschränken. Dies gilt auch für die Zulässigkeit der verdeckten Videoüberwachung als Ultima Ratio!

Kennen Sie einen Profi-Fußballer, der sich jemals über die Kameraüberwachung an seinem Arbeitsplatz beschwert hat, und das in HD-Qualität und Super-Slow-Motion, wo jede kleinste Fehlleistung am Arbeitsplatz publik und dokumentiert wird?

Interviewpartner: Herr Frank Horst, EHI Köln