Jede Straftat hinterlässt Spuren

Autorin: Dr. Dina Nachbaur, Weisser Ring - Verbrechensopferhilfe

Leider sind das nicht nur Spuren, die zur Ergreifung des Täters führen sondern auch Spuren im Leben der Opfer. Selbst geringfügige Straftaten bringen manche Opfer in große Schwierigkeiten, etwa dann, wenn bedürftigen Personen Geld und persönliche Gegenstände gestohlen werden, die dringend gebraucht werden. In Folge einer Straftat verändern darüber hinaus viele Betroffene Einzelheiten in ihrem Leben: Manchmal bedeutet das lediglich, kurz nach einer Viktimisierung besonders vorsichtig zu sein. In einzelnen Fällen bemühen sich jedoch Betroffene intensiv, ihr Aussehen oder ihre Lebensgewohnheiten zu verändern: Sie tragen keinen Schmuck mehr, um nicht als wohlhabendes und „lohnendes Opfer“ erkannt zu werden, sie telefonieren nicht mehr in der Öffentlichkeit, um ein wertvolles Mobiltelefon nicht mehr sichtbar zu machen. Die Einschränkungen können so weit gehen, dass sie den Alltag belasten, etwa wenn Betroffene öffentliche Verkehrsmittel vermeiden oder nicht mehr in der Dämmerung unterwegs sein wollen und können. Mit der Schwere der Straftat nehmen in der Regel auch die Auswirkungen auf die Opfer zu. Besonders Delikte, bei denen es zu einem unmittelbaren Kontakt zwischen Täter und Opfer kommt, wie etwa Körperverletzung, Raub oder gefährliche Drohung führen zu weitreichenden Belastungen.

 

Trauma

 

Psychische Belastungen werden nicht sichtbar, sind aber immer mit einer Viktimisierung verbunden. Das Gefühl der Sicherheit und dass schon alles „in Ordnung“ sei, geht zumindest vorübergehend verloren. Gravierend beeinträchtigt wird das psychische Wohlbefinden durch ein sogenanntes „Psychisches Trauma“. Hervorgerufen wird ein solches laut Weltgesundheitsorganisation durch „ein belastendes Erlebnis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes, die bei fast jedem eine Verstörung hervorrufen würde“. Nach einigen Wochen klingen die Symptome bei den meisten Verbrechensopfern von selbst wieder ab. Wesentlich für einen idealen Verlauf nach einem psychischen Trauma ist das Vorhandensein von ausreichenden persönlichen Ressourcen sowie eine Unterstützung durch das soziale Netz der Betroffenen. Hilfreich ist immer auch die professionelle Unterstützung durch eine Opferhilfeeinrichtung.

 

Im schlimmsten Fall verschwinden die Symptome einer Traumatisierung nicht nach wenigen Wochen, sondern nehmen immer mehr Raum ein im Leben der Betroffenen. Diese werden dann etwa von Erinnerungen an den Vorfall plötzlich überwältigt – vollkommen unvermutet empfinden sie eine Lebensbedrohung wie im Moment der Straftat. Oder die Betroffenen vermeiden immer mehr Situationen, ziehen sich vollkommen zurück und isolieren sich immer mehr. Schlaflosigkeit und Schreckhaftigkeit tragen das ihre dazu bei, dass die Betroffenen sich erschöpft und ausgelaugt fühlen und Gefahr laufen, Mut und Hoffnung zu verlieren.

 

Stellen Sie sich vor...

 

Frau K. arbeitet schon seit Jahren in einer Supermarktfiliale, sie fühlt sich dort wohl und die Arbeit macht ihr Spaß. Doch plötzlich wird alles anders: An einem Samstag wird in der Mittagszeit der Supermarkt überfallen, Frau K. sitzt bei der Kasse und wird mit einer Schusswaffe bedroht. Es gelingt ihr nicht sofort, die Kasse zu öffnen. In den bangen Sekunden, bis der Täter weg ist, glaubt sie, dass sie vielleicht an diesem Tag – jetzt, in der nächsten Minute schon – ihr Leben verlieren wird. Frau K. meldet sich krank, doch daheim kreisen ihre Gedanken ständig um den Überfall. Sie lebt allein und hat niemanden, dem sie sich anvertrauen kann. Sie überlegt dauernd, ob der Räuber den Supermarkt schon länger beobachtet hat und warum er sie als Opfer ausgesucht hat. Nach wenigen Tagen kehrt sie zurück zu ihrer Arbeit, die Kolleginnen bemühen sich um sie. Aber Frau K. hat den Eindruck, dass es allen anderen besser geht als ihr und dass von ihr erwartet wird, dass auch sie sich endlich wieder erholt. Nach ein paar Tagen in der Arbeit passiert es dann. Frau K. räumt ein Regal ein, als sie einen jungen Mann sieht, der vermummt den Supermarkt betritt. Augenblicklich spürt sie sämtliche Symptome der Angst: Herzrasen, Schwitzen, Schwindel. In der Panik reagiert Frau K. vollkommen richtig und wirft sich auf den Boden. Ihre Umgebung ist jedoch irritiert – der junge Mann ist lediglich ein Kunde, der einen dicken Schal trägt.

 

Das können Sie tun!

 

Die Frage drängt sich auf, was den entscheidenden Unterschied macht – wodurch lässt sich der Verlauf einer Traumatisierung positiv beeinflussen? Psychologische Forschungen zeigen, dass genügend persönliche Ressourcen es den Betroffenen erleichtern, mit einem einschneidenden Ereignis fertig zu werden. Der entscheidende Punkt ist jedoch, ob jemand über ein ausreichendes und unterstützendes soziales Netz verfügt. Die Reaktion von Familie, Freunden und Freundinnen und Bekannten ist eine Weichenstellung, die mit den Ausschlag dafür gibt, ob die Verarbeitung belastender Erlebnisse gelingt. Folgende sechs Ratschläge sollten Sie deshalb im Kontakt mit Verbrechensopfern beherzigen: Gehen Sie auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen ein. Machen Sie klar, dass etwas passiert ist, dass der / die Betroffene aber jetzt in Sicherheit ist. Die Art, wie der / die Betroffene in der Stresssituation reagiert hat, war die einzig mögliche für ihn / sie. Stellen Sie das niemals in Frage.

 

Wenn möglich: Ermöglichen Sie der / dem Betroffenen Abstand vom Tatort. Lassen sie den / die Betroffene/n das Erlebte nicht unnötig oft erzählen. Denken Sie daran, dass auch die Strafverfolgungsbehörden Fragen haben. Stellen Sie – wenn nötigt - den Kontakt zu einer Opferhilfeeinrichtung her.

 

Der WEISSE RING unterstützt Verbrechensopfer

 

Der WEISSE RING ist die größte Opferhilfeeinrichtung in Österreich und bietet in allen Bundesländern flächendeckend Unterstützung an für alle Opfer von Straftaten. Der WEISSE RING leistet kostenlos, schnell und unbürokratisch Hilfe. In der Beratung nach einem Raubüberfall werden wir etwa über die „gesunden“ Auswirkungen und Folgen eines Traumatischen Erlebnisses informieren. Das gibt Hoffnung auf einen gesunden Verlauf und nimmt Sorgen, dass Symptome wie etwa Schlafstörungen bleiben werden. Wir unterstützen bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz bei der Bewältigung der Angst. Wir kümmern uns auch um ganz praktische Anliegen wie eine kostenlose anwaltliche Beratung und eine kostenlose Vertretung und Begleitung im Strafverfahren, wenn Betroffene als Opfer und Zeug/inn/en zu einer Verhandlung geladen werden, aber auch um finanzielle Unterstützungen, wenn etwa ein Verdienstentgang auszugleichen ist. Wenn erforderlich organisieren wir weitergehende Unterstützungsangebote. In erster Linie aber hören die Expert/inn/en einer Opferhilfeeinrichtung zu.

 

Opfernotruf – 0800 112 112

 

Um Opfern von Straftaten unmittelbar helfen zu können, betreibt der WEISSE RING einen Opfernotruf. Diese kostenlose Telefonnummer ist an allen Tagen des Jahres von 0.00 – 24.00 erreichbar. Besonders geschulte Psycholog/inn/en und Jurist/inn/en beraten – wenn gewünscht - anonym und vertraulich zu allen Fragen nach einer Straftat. Das Ziel ist es, die Betroffenen zu entlasten und zu informieren. Wenn darüber hinaus Unterstützung gewünscht wird, kann ein direkter Kontakt zu einer passenden Opferhilfeeinrichtung in der Region hergestellt werden. Der Opfernotruf wird vom Bundesministerium für Justiz finanziert.